Ein Besuch in Utopiastadt mit tiefen Einblicken | ein Bericht

Ein Besuch in Utopiastadt mit tiefen Einblicken | ein Bericht

Utopiastadt ist ein Kuriosum, so erscheint es mir. Die Utopist*innen haben in den letzten Jahren bereits sämtliche Preise abgeräumt und sind mit ihrem Projekt über die Stadtgrenzen hinaus bekannt geworden. Ein Wuppertaler Vorzeigeprojekt! Doch was ist Utopiastadt wirklich? Wie sieht die Utopie der ehrenamtlichen Utopist*innen aus? Und was geschieht in den Gemäuern des über 135 Jahre alten Bahnhofs überhaupt?

shot by Wolf Sondermann

Um diese Fragen zu klären wage ich mich in die Tiefen von Utopiastadt. An einem Freitagnachmittag treffe ich mich mit zwei Utopist*innen. Ich betrete die Schalterhalle des ehemaligen Bahnhof Mirke,  das heutige Café  Hutmacher. Die Gastronomie gilt als Eingangstor zu Utopiastadt. An warmen Sommertagen ein Anlaufpunkt für hunderte Wuppertaler*innen jeden Alters, die es sich auf dem ehemaligen Bahnsteig, direkt an der Nordbahntrasse gemütlich machen und das Leben bei einem Getränk aus der Region genießen, während die Boombox das Ganze musikalisch begleitet. In den denkmalgeschützten Räumlichkeiten des Hutmachers scheint die Zeit still zu stehen. Die unverputzten Wände, die Weinregale aus alten Bienenkästen, die alten Lampenschirme und die Kacheln auf dem Boden sprühen vor liebenswertem Charme, der insbesondere in den Abendstunden zum Vorschein kommt. In gemütlicher Runde wird bei einem Kakao und einem Stück Kuchen das Brettspiel ausgepackt, es wird gelacht und geredet. Der Name des Lokals ist an eine Figur aus Lewis Carolls 1865 erschienenem Kinderbuch »Alices Abenteuer im Wunderland« angelehnt. Dort trifft Alice bei einer Teegesellschaft auf den etwas verrückten Hutmacher der gemeinsam mit ihr und dem Märzhasen ihren Nicht-Geburtstag feiert. Ein Synonym das den Hutmacher ausfüllt. Die liebevoll aufgestapelte und einzige Büchertheke in der Talstadt dient den Utopist*innen als Ort des Austauschs. Hier entstehen Ideen, gelebte Utopien und Gesellschaft. Kein Wunder, dass ich Johannes Schmidt und Niklas Brandau an der Theke sitzend antreffe. Jazzmusik ertönt im Hintergrund und nach einer kurzen Begrüßung nehmen wir gemeinsam auf dem zusammengewürfelten Mobiliar Platz.

Johannes Schmidt und Niklas Brandau shot by Wolf Sondermann

Johannes Schmidt (25), Campus-Entwickler der Utopiastadt gGmbH und Niklas Brandau (44) Projektkoordinator der Utopiastadt Campus Raumstation, sind nur zwei von den Utopist*innen die ich am heutigen Tage treffen werden. Auf die Frage was Utopiastadt überhaupt ist, reagieren die Zwei mit einem leichten Lächeln. Eine Frage die oft gestellt wird und selten beantwortet werden kann. Aber warum? Utopiastadt selbst bezeichnet sich als »Initialzündung eines andauernden Kultur- und Gesellschaftskongresses mit Ambitionen und Wirkung«. Eine Aussage die so viel und so wenig zugleich sagt. Anstatt es mir zu erklären, zeigen mir die zwei Utopist*innen was hier geschieht und so kommt es, dass ich neben einer kleinen Tour durch die Räumlichkeiten Utopiastadts auch einige Menschen kennenlerne, die diesen Ort beleben.

Candy Wiegratz shot by Wolf Sondermann

So zum Beispiel Candy Wiegratz (55), Utopist*in aus Leidenschaft. Die studierte Industriedesignern hat sich ihren Traum erfüllt. Nachdem sie eine einjährige Ausbildung zur Imkerin an der Uni Bochum absolvierte, siedelte sie 2018 vier Bienenvölker auf den Außenflächen Utopiastadts an und schenkte ihnen ein neues Zuhause. Die Bienen bedienen sich fleißig an den Pflanzen im benachbarten UtopiastadtGarten und schaffen außerdem eine enormen Mehrwert für die umliegende Natur. Einige Jahre zuvor kam sie als Fahrradschrauber*in, durch ihre Intuition getrieben, das erste Mal zu Utopiastadt. Ihr gutes Gefühl ließ sie hier bleiben und seitdem entwickelt sie gemeinsam mit Utopist*innen weitere Projekte, bringt ihre Expertise in die Umsetzung ein und kümmert sich um ihre Bienen. In Zukunft möchte sie den geernteten Honig gegen Spende abgeben und eventuell Workshops anbieten, um weitere Wuppertaler*innen von der Leidenschaft zur so wichtigen Biene zu überzeugen. Candy ist außerdem im benachbarten UtopiastadtGarten aktiv. Ein Urban-Gardening-Projekt in dem sich rund 20 aktive Utopist*innen ihren Traum vom eigenen Garten gemeinsam ermöglichen. Die Ernte reicht zwar nicht zur Versorgung, aber der Garten wird auch eher als Ort des Lernens und Lehrens angesehen. Was angepflanzt wird, wird im Kollektiv entschieden. Wenn alle Pflanzen gegossen und Wege gepflastert wurden treffen sich die Gärtner*innen gerne in einer geselligen Runde, unter der alten Kastanie neben dem kleinen Naturteich im Garten, so Niklas Brandau. Hier wird über das Leben, die Arbeit und die Utopie geplaudert.

Johannes und Niklas führen mich weiter über den Utopiastadt Campus. Die umliegenden Flächen rund um die ehemalige Bahntrasse lagen eine lange Zeit brach. Seitdem die Utopist*innen dem Bahnhofsgebäude wieder Leben eingehaucht haben, ist es ihr Ziel, auch die umliegenden Flächen nachhaltig zu entwickeln. Gemeinsam mit der Stadt Wuppertal, der Wirtschaftsförderung, dem Besitzer der Fläche, der Firma Aurelis, in wissenschaftlicher Begleitung durch das Wuppertal Institut und das Zentrum für Transformationsforschung und Nachhaltigkeit (TransZent) haben die Utopist*innen einen langfristigen Plan für den Erwerb und die Entwicklung der Fläche erarbeitet. Nach und nach wird hier Raum für bürgerschaftliche und nachhaltige Quartiersentwicklung geschaffen. Projekte mit gesellschaftlichem Mehrwert sollen hier mit Hilfe von ehrenamtlicher Arbeit ein zu Hause finden und durch die Infrastruktur Utopiastadts unterstützt und realisiert werden.

Zum Utopiastadt Campus gehört auch die neuste Errungenschaft Utopiastadts – ein blau-gelb gestreiftes Zirkuszelt. Hier wird in Zukunft neben kulturellen Veranstaltungen, in Form von Konzerten und Lesungen, und dem Vermietungsgeschäft auch eine Zirkusgruppe ein neues zu Hause finden. Sissi Grasser (26) ist Initiatorin des Projekts. Gemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen der Alten Feuerwache hat sie vor einiger Zeit begonnen eine Zirkusgruppe namens »Zirkus Mirkus« in den Räumlichkeiten der Alten Feuerwache anzubieten. Hier lernen die Kinder allerlei Fähigkeiten die in einem Zirkus von Nöten sind. Zwischen Jonglage und Artistik, kann sich Sissi vorstellen Vorführungen im Zirkuszelt umzusetzen. Dabei sollen die Kinder Einblicke in die Arbeit hinter den Kulissen bekommen und sich tatkräftig an der Umsetzung und dem Aufbau beteiligen. Quasi in das lebendige und selbst gestaltete Zirkusleben schnuppern.

Weiter über den Utopiastadt Campus betreten wir die Utopiastadt Campus Raumstation, auch liebevoll »USCRS« genannt«. Ein Ort an dem Räume entstehen die Projekte behausen. In acht Containern und sogenannten fliegenden Bauten – Tendenz steigend – finden verschiedenste Ideen ein zu Hause. So zum Beispiel ein Co-Shop in einem alten Aufbau eines ehemaligen Feuerwehrautos, in dem Kreative ihre Produkte ausstellen und anbieten können, mehrere Essensangebote auf Rädern, eine zukünftige Kaffeerösterei sowie der Aquaponik-Container, der hier in Kooperation mir dem Arrenberg ein neues zu Hause fand. In diesem werden Boden unabhängige Möglichkeiten erforscht, Lebensmittel durch einen Nährstoffkreislauf zwischen Fischen, Bakterien und Nutzpflanzen im städtischen Raum zu erzeugen. Die Raumstation ist Modular gehalten damit nach Belieben und Möglichkeit umstrukturiert werden kann. Niklas Brandau, Projektkoordinator der Utopiastadt Campus Raumstation selbst beschreibt das Prinzip der Raumstation als eine Mischung aus »ausprobieren, erforschen und umsetzen«.

Klaus-Georg Becher shot by Wolf Sondermann

Ein weiterer Teil der Raumstation ist der kostenlose Fahrradverleih. Wir treffen auf Klaus-Georg Becher (78), der schon seit fünf Jahren Teil des ehrenamtlichen Radverleihteams ist. Sein Sohn brachte ihn damals zu Utopiastadt. Der ehemalige Lehrer steht in der Saison jeden Mittwoch ab 15 Uhr bereit und leiht begeisterten Wuppertaler*innen Fahrräder aus. Das Ganze kostenlos und auf Spendenbasis. Mit den Spendengeldern werden notwendige Teile für die Reparatur und Instandhaltung der Räder erworben. Klaus-Georg ist mit Leidenschaft bei der Sache. Wer freiwillig so viel Zeit in solche Arbeit steckt, muss dies mit ganzem Herzen tun, und das merkt man ihm an. Insbesondere der Kontakt mit der Bandbreite an verschiedensten Menschen lässt ihn seine Arbeit lieben. Klaus-Georg hört gerne zu. Die vielseitigen Gespräche die während seiner ehrenamtlichen Arbeitszeit entstehen motivieren ihn, laut eigener Aussage, noch lange Zeit Fahrräder an Interessierte auszuleihen.

Tobias Kaminski und Leonie Sonntag shot by Wolf Sondermann

Niklas und Johannes führen mich weiter in die so genannte UtopiastadtWerkstadt. Wir treffen auf die Bundesfreiwilligendienst Leistenden Leonie Sonntag (20) und Tobias Kaminski (19). Die Zwei sind für ein Jahr fest in Utopiastadt angestellt und kümmern sich neben der Entwicklung von sozialen Projekten mit Jugendlichen um die alltäglichen Aufgaben die in Utopiastadt anfallen. Zwischen dem Aufbau von Konzerten, Vermietungen, und der Planung von eigenen zukünftigen Projekten, sind sie ab und zu auch in der Werkstatt anzutreffen. Hier findet außerdem das Reparatur- und Schraubercafé statt, an dem Wuppertaler*innen ihre Elektrogeräte und Fahrräder mitbringen, um sie gemeinsam unter fachlicher Anleitung zu reparieren. Außerdem gibt es nach einer Werkstatt-Einführung die Möglichkeit sich am Lasercutter, A0-Plotter sowie am 3D-Drucker auszuprobieren. Die UtopiastadtWerkstadt ist aber vor allem Treffpunkt und Ort der Umsetzung. Hier werden Projektideen angegangen und im kreativen Austausch entwickelt. Es wird gewerkelt, geschraubt und geplaudert. Das sieht man diesem Ort auch an.

In der UtopiastadtWerkstadt entstand auch das Mitmachprojekt »Wanderbaumallee«, initiiert durch vier Utopist*innen und gefördert vom Mirker Quartiersfonds. Angelehnt an das Münchner Vorzeigeprojekt werden hier in autodidaktischer Eigenarbeit Betonkübel gegossen, in die Bäume eingepflanzt werden. Daraus entsteht eine Allee von Bäumen die, wie der der Name bereits sagt, wandert. Die Bäume können so durch die Stadt wandern und aufzeigen, wie ein Straßenzug mit Bäumen aussehen könnte. Quasi die modulare Umwandlung von Parkplätzen in Grünflächen. In Zukunft sollen sich Anwohner diese Bäume ausleihen können, um sie vor ihrem Haus aufstellen zu können.

Die kleine aber tief blickende Führung durch Utopiastadt beenden wir im Hutmacher. Ich bin überrascht von der Vieldimensionalität und Diversität Utopiastadts, die insbesondere durch die verschiedenen Menschen widergespiegelt wird. Ich könnte eine mehrbändige Buchreihe über das Phänomen Utopiastadt schreiben und auch dann hätte diese keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Dieser Artikel ist ein Versuch einige der Projekte in Utopiastadt zu veranschaulichen und diese mit Leben zu füllen – einige Menschen  exemplarisch vorzustellen, die sich tagtäglich ehrenamtlich engagieren und Utopiastadt zu dem machen, was es ist. Aber Utopiastadt ist viel mehr. Ein Zusammenschluss von engagierten Bürger*innen, ein kreativer Ort an dem man sich ausleben darf und kann, ein Raum in dem soziale Experimente gewagt werden, eine Fläche auf der Projekte ein Zuhause finden. Vor allem ist Utopiastadt aber die Summe der individuellen Empfindungen der Menschen, die diesen Ort beleben und dessen Mehrwert für Wuppertal. Durch den Zusammenschluss der vielen Einzelpersonen entsteht ein Ort der eine unheimlich breite Palette an Kompetenzen in sich trägt und aufgeschlossen ist, diese auszuweiten. Ein Ort der offen ist für alle, die Lust haben sich zu beteiligen. Vielleicht sollten wir alle ein wenig mehr Utopiastadt wagen! Bewehrt hat es sich allemal.

Text: Max-Mosche Kohlstadt
Foto: Wolf Sondermann

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